Mein Beitrag zur Leitbilddiskussion.

Einsamer Kampf. Manipulierter Fragebogen?

Die Industrialisierung der Arzneimittelherstellung hat für das Berufsbild des Apothekers (auf geschlechtsspezifische Differenzierung verzichte ich wegen der Lesbarkeit) nachhaltig beeinflusst, die Durchsetzung der Niederlassungsfreiheit tat ein Übriges. Wirtschaftliche Interessen bei der Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln und die ethische Seite des Berufes liegen seither im Widerstreit. In der Vergangenheit ging die kaufmännische Seite meistens als Sieger hervor. Gezwungener Maßen Wirtschaftliche Folgen der Gesetzgebung mussten aufgefangen werden. Das ist auch heute noch so. Konzentration auf die ethische Seite würde z.B. zwangsläufig ein Lagerbereinigung nach sich ziehen müssen, deren Nutzen für den Patienten offensichtlich wäre, die aber gleichzeitig auch die wirtschaftliche Existenz bedrohen würde. Deshalb behaupte ich, das nur wirtschaftlich ausreichend gute Rahmenbedingungen ein Berufsbild bzw. Leitbild des Apothekers zulassen, das den Wünschen der Gesellschaft nach einer optimalen Arzneiversorgung gerecht wird. Der Fragebogen im Online Portal kanalisiert nach meiner Ansicht die Diskussion über das Leitbild zur Weiterentwicklung der öffentlichen Apotheke in Deutschland. Er erzeugt bei mir eine Abwehrhaltung, weil er für mich die Ernsthaftigkeit einer ergebnisoffenen Diskussion über dieses Leitbild in Frage stellt. Theoretisch sollte man selbst über eine Auflösung unseres Berufsstandes diskutieren dürfen. Der Fragebogen enthält nur das Aufgehen in einem Netzwerk als Option. Das ist eindeutig zu wenig. Deshalb stellt sich mir die Frage, ob diese Aktion uns nur eine mögliche Einflussnahme vorgaukeln soll und ob z.B. nicht schon eine einflussreiche Gruppe ein von ihr entwickeltes Leitbild bereits in der Tasche hat, das hier lediglich eine pseudodemokratische Absegnung erhalten soll.  Darin sehe ich die größte Gefahr für unseren Berufsstand!

Labortätigkeit, Rezepturen weiter auf das minimalste Minimum beschränken!

Ich möchte etwas provokant beginnen. Securpharm will Arzneimittelfälschungen verhindern. Der Weg der Arzneimittel vom Hersteller in die Apotheke wird (hoffentlich) lückenlos dokumentiert und bei der Abgabe durch eine Identitätsprüfung des Code abgerufen. Und dies soll für Wirkstoffe, die in der Rezeptur oder Defektur benötig werden, nicht möglich sein? Warum wird hierüber nicht diskutiert. Wenn Voraussetzungen fehlen, warum schafft man sie nicht? Nicht jede Apotheke muss alles machen können. Mit diesem Irrtum muss man endlich aufräumen. Viele bestehende, sinnvolle Rezepturen können als besondere „Fertigarzneimittel“ zentral in den Handel gebracht werden. Was frisch bereitet werden muss, ist nicht dadurch automatisch therapeutisch sinnvoll oder ohne Alternative. Vermutlich ist der Anteil, den Individualrezepturen aus Marketinggründen für Ärzte haben, ziemlich hoch. Die Existenzberechtigung der Apotheke lässt sich schlecht daraus ableiten, dass sie in der Lage ist, Rezepturen herzustellen, wenn diese -streng genommen- vielleicht überflüssig sind.

Schweigen kann tödlich sein

Man spricht nicht darüber, weil darüber das noch vermittelte Berufsbild ins Wanken kommen würde. Man befürchtet, dass damit auch der Erhalt des Apothekerberufes in Frage gestellt wird, weil man für seinen Erhalt nichts Adäquates und bereits Existierendes anführen kann. Es würde lediglich die Arzneimittelverteilung bleiben und die Beratung bei der Abgabe. Tatsächlich herrscht da eine gewisse Leere gepaart mit einem Bündel an guten Absichten vor, die sicher etwas bringen könnten, fände man jemanden, der die neuen Leistungen bezahlt. So nimmt die Apotheke z.B. bisher schon an dem wachsenden Präventionsmarkt teil, ohne dass die aber in den Augen der Bevölkerung besonders wahrgenommen wird. Es sei denn, es handelt sich um Marketingaktionen vereinzelter Apotheker, die letztlich über den Gewinn neuer Kunden oder dem Erhalt der Marktposition bezahlt werden.

Beratung in der Apotheke muss Kassenleistung werden!

Geld von den Krankenkassen, für die eine funktionierende Prävention millionenfachen Gewinn bedeutet, gibt es nicht. Die Apotheke muss sich über den Verkauf von apothekenüblichen Waren und Arzneimitteln definieren. Das ist das alte Berufsbild. Und für ein neues fehlen einfach viele Voraussetzungen. Ein Umdenken bei uns, beim Gesetzgeber und bei den Krankenkassen mit ihrer Lobby. An die Stelle der Waren und Arzneimittel treten dann oft Worte, für die es erst einmal keine Normgrößen und Festzuschläge gibt. In einer Gesellschaft, die zunehmend aber ihre Antworten im Internet selbst zusammensucht, wird es allerdings ebenso zunehmend schwieriger, den Menschen z.B. den Preis einer Beratung nahe zu bringen. Es sei denn, der Gesetzgeber macht diese Beratung zur Kassenleistung. Das habe ich bereits 1987 gefordert „Beratung in der Apotheke nur noch auf Krankenschein“. Natürlich muss diese Beratung kurz protokolliert und vom Patienten unterschrieben werden. Geld muss es geben, auch wenn es bei der Beratung z.B. nur um ein Nahrungsergänzungsmittel ging. Der „Neinverkauf“ muss zusätzlich mit einer Prämie honoriert werden, damit der „Neinverkauf“ möglicherweise zur Regel wird und die Hersteller nicht davon ausgehen können, das die Rabatte nur hoch genug sein müssen, damit unnütze Dinge über den Ladentisch der Apotheke wandern. Auf Dauer wird so nicht nur die Anbieterstruktur in Richtung Seriosität geändert, sondern auch die Denkstruktur der Apothekenbesucher. Auf diese Weise kann man die Spreu vom Weizen trennen. Die Bevölkerung fällt nicht mehr auf jeden Schrott herein. Salz bleibt Salz, ob es nun aus einer Schüssel kommt oder nicht,  Placebo Placebo

Voraussetzungen stimmen nicht.

Diese Beratung wäre gesundheits- oder krankheitsbezogen, was in der Regel wohl meistens auf das Gleiche hinausliefe. Was nicht stimmt sind die Voraussetzungen, die der Apotheker von der Ausbildung her durchschnittlich mitbringt.  Der Apotheker ist sicher nicht der Spezialist für Krankheitslehre und Therapien, die nicht über Arzneimittel laufen. Da muss in der Ausbildung früher eine Spezialisierung einsetzen. Apotheker sind keine Universalgenies oder Alleskönner. Pharmazeutische Chemie massenhaft für die, die in die Industrie gehen wollen. Medizin für die öffentlichen Apotheker. Das sollten die Schwerpunkte sein. Schon 1982 habe ich gefordert, dass der Inhaber einer Apotheke „Fachapotheker für Medizin“ sein sollte oder „Facharzt für Pharmazie“. (Den Kaufmann würde ich streichen, das haben wir sowieso nicht gelernt. 50% Rabatt zu geben ist auch keine Kaufmannseigenschaft, sondern eher die eines Totengräbers unseres Berufsstandes.) Nach mehr als 750 Jahren würde durch solche Verbrüderung die Trennung zwischen Arzt und Apotheker aufgehoben. Ein Nebenprodukt dieser Regelung wäre, dass man sich auf gleicher Augenhöhe bewegt und auch in den von Standes Seite propagierten Netzwerken einen entsprechenden Rang bekleiden würde. Verflechtungen zwischen Pflegeeinrichtungen, Ärzten, Apothekern usw. müssten aber anders aussehen und dürften nicht nur wenigen, auserwählten Apothekern zugänglich sein. Denn es gibt sie ja schon, „Netzwerke“ z.B. mit der häuslichen Krankenpflege, insbesondere in der Form, dass letztere als Rezeptsammelstellen sehr aktiver Apotheker funktionieren. Da ist der Apotheker schon Motor und das Netzwerk ein fest in der Kasse eingebauter Bestandteil. Das hat die  Politik sicher nicht so gemeint.

Netzwerke, kostengünstige Notlösung oder Gelddruckmaschine

Netzwerke in der mir bekannten Form lehne ich ab. Z.B. gibt es anscheinend nicht selten Zuweisungen zwischen Dialysepraxen und bestimmten Apothekern. Gesundheitspolitiker habe in der Vergangenheit immer für die Zeit ihrer Amtsperiode im Nebel herumgestochert. Meistens um irgendwie Geld zu sparen. Grundlegende, positive Ideen sind mir keine in Erinnerung geblieben. Allen muss aber z.B. klar sein: verändert man die wirtschaftliche Basis der Apotheke zu ihrem Nachteil, dann verändert man auch die Dichte des Apothekennetzes. Damit werden auch die Abstände zwischen den notdiensthabenden Apotheken größer. Das Sortiment der Apotheke beschränkt sich dann auf die gewinnbringenden Artikel, unabhängig von ihrer tatsächlichen Nützlichkeit. Konkurrenz als regulierendes Element fällt weg.  Natürlich hat eine unbedingt erforderliche Gewinnmaximierung  auch Einfluss auf die Objektivität der Beratung. Helfen Netzwerke den Krankenkassen Geld zu sparen oder machen sie nur die Wege zu den Beteiligten rund und reichen die Patienten von einem Mitglied des Netzwerkes zum nächsten weiter? Anders ausgedrückt-werden die Patienten nur von allen Seiten „bespaßt“, unnötigen Untersuchungen und Therapien z.B. zur Auslastung der Gerätschaften beteiligten Partner ausgesetzt oder profitieren sie ebenfalls davon? Untersuchungen zu diesem Thema sind mir nicht bekannt. Sollten die Netzwerke aber zu Einsparungen führen, dann wird es ihnen auf Dauer wie den Festbeträgen gehen, nur das hier die Honorare stetig abgesenkt werden. Paradox, dass gerade die Bundestagsabgeordneten im Augenblick das Gegenteil für sich fordern und sicher nicht vorhaben, bei den Apothekern nachzubessern.

Mitwirkung und Mitbestimmung. Patienten sind über die Unsinnigkeit vieler therapeutischer Maßnahmen aufzuklären. Oft tragen sie die Heilung in sich und es bedarf keines Placebo oder Pseudoplacebo sondern nur einer die Heilung förderlichen Zuversicht. Überträgt sich diese vom Apotheker auf den Patienten ohne dass sie als irgendeine, vorgebliche Arzneiform daherkommt, kann die Gesellschaft viel Geld sparen. Der Apotheker der Zukunft muss gleich einem Schamanen  Körperkräfte für den Heilungsprozess bündeln können. Im Augenblick besteht mehr die Tendenz, Urängste in Gold zu verwandeln.

Gesundheitssystem und Gesellschaft.   Apotheker sind Teil einer Gesellschaft, die einen demokratischen Wandel erfährt. Unbestritten. Geld nach dem Gießkannenprinzip unter die Kranken aufzuteilen, macht wenig Sinn. Viel Sinn macht es dagegen, an einer Prävention mitzuwirken, die alle Altersstufen umfasst. Prävention ein Leben lang. Und eine Lösung parat haben, wenn es doch mal nicht so klappt. Das macht den Apotheker der Zukunft aus. Er sollte von seiner Präventionsarbeit leben können und ein guter Vermittler von Gesundheitswissen sein, das der Bevölkerung zum Anfassen nahe gebracht wird.

Vernetzung ein Erfolgsmodell. Nichts gegen einen Informationsaustausch, wo er angebracht ist. Das man im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf als Netz gegen andere Netze antritt und nicht als Einzelkämpfer gegen andere Einzelkämpfer, hebt weder so ohne weiteres die Qualität noch spart es Geld. Jedenfalls kenne ich keine Beweise dafür. Forderungen von Politik oder Gesellschaft nach Netzen sind mir nicht bekannt, auch nicht, worauf sie sich stützen könnten. Dafür aber Zusammenschlüsse aus rein wirtschaftlichen Gründen. Ich habe den Eindruck, dass die Vernetzung zu dem Wunschdenken derjenigen gehören, die diese Untersuchung hier zum Leitbild veranlasst haben.

Das Team in der Apotheke Schön, wenn der Gewinn aus der Apotheke so groß ist, dass man sich entsprechendes Personal und Kompetenzausbau leisten kann. Nach meiner Ansicht reicht aber schon die Beschränkung auf gesichertes Wissen und den Einsatz desselben aus. Das müsste sich auch in den angebotenen Produkten wiederspiegeln. Tut es aber leider nicht, wenn man sich auch solche Apotheke anschaut, die es sich eigentlich leisten können sollten, auf den Verkauf von fragwürdigen Dingen zu verzichten. Hier muss der „Teamgeist“ wie ein Virus alle Apotheker anfallen, damit daraus ein allgemeines Bild der Offizin wird, die diesen Geist wiederspiegelt. Sonst wird das alles nichts. Ein paar schöne Worte machen noch keinen Sommer.

Die Apotheke zwischen Versorgungsauftrag und Unternehmertum.  Es stellt sich die Frage, wie wir in Zukunft sowohl im Wettbewerb untereinander stehen und gleichzeitig als Gemeinschaft kollektiv auftreten. Das ist wirklich eine Kernfrage. Sie lässt sich nicht beantworten, solange man den Kollegen als den Feind in den eigenen Reihe sieht und der Virus „Teamgeist“(s.o.) noch nicht zugeschlagen hat. Eines, das uns verbündet, ist die Frage einer höheren Vergütung, die jährlich angepasst wird und die Neinverkäufe leichter macht. Wir sind nicht verpflichtet, alles anzubieten und könnten uns freiwillig auf ein Sortiment begrenzen, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Kollegen, die sich von anderen Kollegen z.B. dadurch unterscheiden wollen, dass Sie auch Bachblüten u.ä. verkaufen, sollte man vor Ort in öffentlichen Gesprächsrunden zu dieser Problematik hören und auf diesem Weg eine notwendige Aufklärung bei den Patienten erreichen. Dann spricht man wenigstens miteinander. Dann sollte es uns auch leichter fallen, eine Front aufzubauen, bei der wir dem Feind gegenüber ins Gesicht schauen und nicht dem Nebenmann

Rudolf Kley