Rudolf Kley - Apotheker, Maler und Aktionskünstler
   

1980 -1983

 

Elke und Rudolf Kley in München

Das "ARTART" - Museum

"ARTART" Manifest und "Kley gegen Beuys"

Malaktion auf dem Meidericher Kunstmarkt

Die Vorläufer der 1100 Meter Stattgeschichte

Der Duisburger Kulturdezernent Dr. Schilling startet die Aktion "1100 Meter Stattgeschichte", die Rudolf Kley über das Ruhrgebiet hinaus bekannt macht.

Rudolf Kley 1982 in Basel auf dem Kunstmarkt

Rudolf Kley mit den Vorläufern der "Stattmeter" auf der ART13 in Basel

d

g

g

Auf dem Apothekertag 1982 in Düsseldorf

Rudolf  Kley mit der Gruppe ARTART auf dem Marktplatz Ruhrszene in der Dortmunder Westfalenhalle (Kley links, Dieter Pirdzun Bildmitte)

 

 

 

 
 

Außenminister  Dietrich Genscher begutachtet seinen "Stattmeter"

Dietrich Genscher greift selbst zum Pinsel

Staatminister Jürgen Möllemann setzt Zeichen

Mit dem Koffer für die ARD-Fernsehlotterie unter dem Arm in der Löwen-Apotheke

Aktion in Lünen

Wache vor dem Lehmbruck-Museum

Rudolf  Kley mit der Gruppe ARTART auf dem Marktplatz Ruhrszene in der Dortmunder Westfalenhalle (Kley links, Dieter Pirdzun Bildmitte)

 

Ausstellung der ersten "Stattmeter"

 

 

 
 
 
 
 

 

 
1980 stellt Rudolf Kley auf dem Apothekertag in München seine erste Grafik zum Apothekertag vor. 1981 bricht Rudolf Kley zu seiner ersten Aktion auf. Der Fluxuszug von Vostell macht an verschiedenen Orten in NRW halt und soll dort in die örtliche Kunstszene eingebettet werden. Eine Analyse der Aktion führt Rudolf Kley zu dem Ergebnis "Kunst ist Kohl! Vostell´s Fluxus Zug ist keine Kunstschule. Kunst und Qualität von Kunst sind Vereinbarungssache!" Er gründet die Gruppe ARTART und beschreibt in einem Manifest die Ziele der Gruppe. Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit Beuys. Kley gegen Beuys: Das ging dem Meister über die Hutschnur, schreibt damals Rheinische Post. Die Gruppe ARTART nimmt am Marktplatz Ruhrszene in der Dortmunder Westfalen Halle teil. 1982 entstehen auf Sylt die Sylt- Bilder. Trotz der Trauer oder gerade deshalb leuchten sie vor Farbenfreude. Rudolf Kley nimmt am internationalen Kunstmarkt in Basel über die Galerie Scholten teil.. Ausgestellt werden die Vorläufer der der "längsten abstrakten Bildfolge", seines Guinnessrekordwerkes. 1982 entsteht wieder eine Grafik zum Apothekertag in Düsseldorf. Auf dem Apothekertag erhält Rudolf Kley im Rahmen einer großflächigen Ausstellung in die Möglichkeit, seine Auffassung von Kunst den Kollegen nahe zu bringen. Er will Entwicklung von Malerei zeigen und nimmt die ersten 400 Meter = 400 Bilder seiner 1100 Meter langen Bildfolge mit.  Die - am Ende sind es 1124 Bilder -"Stattmeter-Bilder" entstehen anlässlich des Duisburger Stadtjubiläums. Den Verkaufserlös erhält die ARD Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne". Viele Aktionen führt er im Ruhrgebiet um sein „Stattmeterprojekt herum durch und bietet die Bilder für den guten Zweck an. 1983 Ausstellungsbeteiligung an der „Große Niederrheinische Kunstausstellung". Rudolf Kley stellt die letzten 24 Bilder seiner Bildfolge „1100 Meter Stattgeschichte" aus und will die Neugier auf die Gesamtausstellung wecken. Er engagiert sich für jugendliche Arbeitslose und lässt von Stattmeterbildern Kunstkarten drucken. Außenminister Hans Dietrich Genscher und Staatsminister Jürgen Möllemann betätigen sich als Stattmetermaler. Neben seiner Suche nach geeigneten Räumen für die Ausstellung seines Marathonbildes entwickelt Rudolf Kley seine Malerei weiter und stellte seine Werke aus. Es entstehen nach Spitzweg die Serie „Der arme Poet" , danach die "Struwelbuschbilder". 
 

Mobiles Museum Vostell. Im Dezember 1980 stellt das Kulturamt der Stadt Duisburg allen Duisburger Kulturgruppen und Einzelakteuren, Künstler und Künstlergruppen  das Projekt „Mobiles Museum Vostell" vor und lädt zur Mitarbeit ein. Der Zug ist als lebende „Kunstschule" für Schulen, Lehrlinge und diverse Bevölkerungsgruppen konzipiert, „wo Menschen mit dem Künstler und geschulten Betreuern Erfahrungen austauschen können und eigene Reflektionen mit einbringen können." ( aus der Projektbeschreibung von Wolf Vostell)
Rudolf Kley fragt sich, was in dieser Schule gelehrt werden soll. Ein möglicher Lehrinhalt stellt sich selbst in Frage. Ist Kunst überhaupt lehrbar? Ist Kunst unbedingt lehrenswert? Was ist überhaupt Kunst?" Es gibt keine objektiven Kriterien und folglich keine allgemeingültigen Vereinbarungen, nach der man zwischen Kunst und Nichtkunst unterscheiden könnte. Aus dem gleichen Grund kann man auch nicht zweifelsfrei zwischen guten und schlechten Kunstwerken unterscheiden. Den Zusatznutzen dieser Aktion gegenüber irgendwelcher museumspädagogischer Arbeit sieht Rudolf Kley nicht. Deshalb will er 1981 bei seiner Aktion „Kunst ist Kohl" den Fluxus Zug mit dem Lehmbruck-Museum verbinden und so das Gemeinsame betonen. 1000 Kinderwagen sollen Glieder der Verbindungskette sein und von der Geburt vieler Kunstbegriffe zeugen. Menschen sollen diese Kinderwagen vom Fluxus Zug zum Lehmbruck-Museum und zurück im Kreis schieben, dabei lachen, fröhlich sein, ihren Kunstbegriff auf Band sprechen und das Publikum einbeziehen. Vor dem Wilhelm-Lehmbruck –Museum in Höhe des eingelassenen Spruches „Alle Kunst ist Maß" soll aus mitgeführten Kohlköpfen und Gips ein „Labyrinth – Museum" gebaut werden, das den Eingang zum Museum versperrt und auf die Schwierigkeit hinweist, den richtigen Weg zur Kunst zu finden.
Um es vorweg zu nehmen. Kley konnte für diese Aktion nicht die benötigte Anzahl Kinderwagen aufzutreiben. Die Zeit bis zur Aktion war doch zu knapp bemessen. Alternativ wurden die Besucher und Künstler der Ausstellung Duisburger Künstler in der Mercatorhalle nach ihrem Kunstbegriff gefragt und diese Befragung per Video festgehalten. Als Dankeschön wurden sie alle Museumsdirektor im „hypermobilen“ ARTART – Museum.
Rudolf Kley hat bei dieser Aktion eine Menge gelernt. Als Künstler st er durch eine Schule gegangen, auch wenn dies nicht der Fluxus Zug war. Aber immerhin war er der Anlass. Denn freiwillig hätte er sich mit den verschieden Formen der Aktionskunst nicht auseinandergesetzt. Ihn interessierte bis dahin nur die Malerei ab Impressionismus. Am Ende der Aktion will er das Malen aufgeben, kauft sich eine Gitarre und nimmt Gitarrenunterricht. Singen will er. Der befreundete Gitarrenlehrer kann aber nur konzertant unterrichten. Viel Zeit zum Üben bleibt nicht, so dass sich Rudolf Kley bald wieder der Malerei uns seinen Aktionen zuwendet.  Rudolf Kley hat seinerzeit Aufzeichnungen gemacht, von denen wir hier Auszüge veröffentlichen.


Anmerkungen von Rudolf Kley. "Zwei Fragestellungen haben mich zur Aktion „Kunst ist Kohl" veranlasst:
1. Wird der Zug seinem Anspruch als Kunstschule gerecht?2. Wie ernst meint es das Kulturamt mit der Künstlerbeteiligung? Werden die Künstler nur für die Stadtwerbung gebracht?
„Die örtlichen Künstler drängen sehr danach, ihrerseits nicht nur angemessen, sondern sogar überrepräsentiert zu sein. Aber es gibt ganz einfach bestimmte Dinge, wo die qualitative Kapazität örtlicher Künstler nicht ausreicht." Kulturdezernent Schilling in einem WAZ Interview Aug. 1980. Wie geht also die Stadt mit „Kunst ist Kohl!" um.
Da ich mir vorstellen konnte, dass der Mangel an Kinderwagen das größte Hindernis für die meine Aktion war, bat ich das Kulturamt um die Bereitstellung der Kinderwagen. Meine Kritik an dem „Mobilen Museum Vostell" verbarg ich nicht. Ich schrieb am 6.12.80: „Zum Thema Busse und Bahnen, im Gegenzug ein Gegenkunstwerk...! Erhielt vom Kulturamt am 20. Januar nur die Mitteilung, dass noch keine weiteren Informationen von Herrn Vostell oder Frau von Gottberg vorliegen würden. Dies war auch die einzige Mitteilung, die ich vom Kulturamt erhielt. Erst viel später, am 4. August erfuhr ich, dass meine Initiative die einzige war, die aus der Duisburger Künstlerschaft gekommen war. Da ich inzwischen auch persönlich Kontakt zu Vostell und Frau Gottberg hatte, das Kulturamt hiervon wusste, sah es wohl keine Notwendigkeit zu Gesprächen.
Mitte Februar informierte ich Dr. Salzmann, Direktor des Wilhelm-Lehmbruck-Museums von meiner Aktion. Vielleicht erhoffte ich mir von seiner Antwort soviel Zündstoff, dass mir viele Mitbürger schon aus Protest ihre Kinderwagen überließen. Die Reaktion war gelassen: „Selbstverständlich können Sie die Aktion hier im Park vor dem Museum machen, es müsste alles nur sorgfältig vorher verabredet werden. Was das In-Frage-Stellen angeht, so ist dies im Museumsbereich ständig üblich. Man kann sagen, dass sich manche Kulturinstitute sogar so sehr in Frage gestellt haben, dass sie bis an den Rand der Auflösung gerieten."
„Kunst ist Kohl!" Immer wieder wurde ich gefragt, ob damit etwa Helmut Kohl gemeint sei. Zur Klarstellung bat ich Helmut Kohl um die Schirmherrschaft, der lehnte aber dankend ab.
Ostern verbrachte ich mit „Kunst ist Kohl!" und meiner Familie auf Sylt. Hier fielen mir Beuys Buch „Jeder Mensch ist ein Künstler" und ein Buch von Jürgen Schilling über Aktionskunst in die Hände. Auf Sylt kam mir die Idee, Museen mit Erlaubnis der Museumsleiter zu besetzen, um überregional auf die Aktion „Kunst ist Kohl!" aufmerksam zu machen. Meinen Anfragen legte ich jeweils ein Aquarell bei. Da diese mit den Antwortschreiben nicht zurückkamen, habe ich zu mindestens mit meinen Werken die Museen besetzt.
Der Fluxuszug war aus seinen Startlöchern gekrochen und stand in Dortmund. Auf dem Weg dorthin plakatierte ich am 2. Mai „Watt Kra iv 81"(kann auch „Watt Kreativ" geheißen haben) mit meinen Plakaten „Kunst ist Kohl!".
In Dortmund lernte ich die Managerin des Zuges, Frau Dagmar Gottberg und Wolf Vostell kennen. Sie hatte von meiner Aktion gehört und fand sie gut. Wo ich die Kinderwagen herkriegen könnte, wusste sie auch nicht. Meinen Kittel mit den aufgeklebten Plakaten stellte ich in die Ecke und lief durch den Zug. In der Mitte des Zuges begegnete ich Vostell, der dort sehr auf das Anliegen eines Abiturienten einging. Auf die kritischen Bewerkungen eines anderen Besuchers ging Vostell auch ein, ich hatte aber nicht das Gefühl, dass Vostell ihn und der Besucher Vostell wirklich verstand. Jedenfalls stand ich daneben und hörte mir die Monologe an. Am Ende des Zuges kam ich dann mit Vostell ins Gespräch. „Unter meinen eifrigsten Sammlern ist auch ein Apotheker." klingt es mir noch sinngemäß in den Ohren. Ich glaube dieser Kollege ist aus Stuttgart. „Die Amerikaner haben eine ganz andere Lebensqualität, ein ganz anderes Gefühl für Leben." Eine Besucherin kam mit den Messern nicht zurecht, die aus den ausgestopften Hunden den Besuchern „entgegenstechen“. „Das ist doch wohl ganz klar", meinte Vostell, „die Natur richtet sich gegen uns." Und dann folgte ein Gleichnis, das die Fragerin genauso wenig verstand, wie man ihrer Reaktion anmerkte und das ich vergessen habe. Frau Vostell kam dazu, eine freundliche Erscheinung und ich verabschiedete mich. Draußen klebte ich noch einige Plakate.
Die nächste Station des Zuges war Aachen. Vor dem Bahnhof fand ein Kunstmarkt statt. An den Ständen herrschte sehr mäßiger Andrang. Die Aussteller waren meist mit sich selbst beschäftigt. Im Gegensatz zu dem Bild, das ich von dem „Vostellzug“ in Dortmund hatte, war lebhafter Betrieb auf dem Bahnsteig. Die Besucher standen vor dem Zug Schlange. Auf dem Weg dorthin hatte ich drei Dutzend Plakate geklebt, die bei den meisten wohl in erster Linie ein Schmunzeln hervorriefen. Ich postierte mich am Aufgang zum Fluxuszug und verteilte Handzettel, auf denen ich die so Angesprochenen um Mitteilung ihres Kunstbegriffes bat. Um eine ganz persönliche Stellungnahme zur Kunst und um die Teilnahme an der Aktion „Kunst ist Kohl!" 10000 Handzettel hatte ich drucken lassen. Ich wurde als Bestandteil des Zuges angesehen, die Leute fragten mich, warum es denn vor dem Zug so voll sei, wie lange geöffnet sei, wie lange der Zug da noch stehen würde usw. Auf meine Frage, wie ihnen der Zug gefallen hätte, hörte ich praktisch nur ein vielseitig interpretierbares „Ja? Ja." Als der Fluxus Zug seine Türen schloss, gingen mir auch die Empfänger meiner Handzettel aus. Ich wollte eigentlich noch einige Plakate kleben, aber nach einem Gespräch mit der Bahnpolizei nahm ich lieber wieder alle ab. Man verwies mich an die Eisenbahnreklame.
Am Montag fand ich mich wieder in Aachen zur Diskussion mit Vostell ein. Eine Videokamera war auf Vostell gerichtet, Gesprächsleiter war Dr. Becker. Dr. Becker blockte sofort alle Fragen ab, die in etwa die Richtung gehen wollten, ob das, was Vostell macht, Kunst ist. Er bezeichnete dies als eine sehr unfruchtbare Diskussion. Vostell machte deutlich, dass er sein rollendes Museum nicht als Antimuseum versteht, sondern nur als Museum, das sich von anderen durch seine Beweglichkeit unterscheidet. Im Verlauf der Diskussion wurde allerdings deutlich, dass er sich selbst nicht auf den Besucher zu bewegen will. Das Motto „Der Betrachter soll gefälligst erst einmal mein Alphabet lernen, dann kann er mich auch verstehen!!" ist sicher kein Zeichen von Volksnähe. So ein Spruch wirft außerdem die Frage auf, wie wichtig es Vostell überhaupt ist, verstanden zu werden, wie ernst es ihm mit dem Projekt Kunstschule war. Auf diese Kritik bekam ich keine befriedigende Antwort.
Auf meine Aktion in Aachen bekam ich die erste Antwort – aus Duisburg. Auch die Eisenbahnreklame meldete sich „Wir können leider mit Ihnen eine Vereinbarung über die Verteilung von Druckschriften „Kunst ist Kohl" zu den von Ihnen angegebenen Zeitpunkten in den Bahnhöfen Köln, Essen und Düsseldorf nicht treffen, um eine Beeinträchtigung von Interessen bereits laufender künstlerischer Aktionen zu vermeiden." Damit war meine Laufbahn als „blinder Passagier" des Fluxuszuges vorzeitig beendet.
Das nächste Treffen mit Vostell fand am 30. Mai in Bochum statt. In Bochum war der Zug nämlich abgeladen worden. Das Spektakel fand um einen kleinen See herum statt, der an dem Samstag Ausflugsziel über Bochum hinaus war. Darauf wiesen die Nummerschilder der Autos hin, hinter deren Scheibenwischer ich meine Handzettel klebte. Das erste, was Frau Gottberg sagte als sie mich sah: „Müssen Sie den mit diesem unästhetisch aussehenden Kittel herumlaufen?" Vostell lud mich zum Verweilen ein. Frau Vostell besorgte ein Gläschen Wein. Trotz des Weins redeten wir aneinander vorbei. Mir ist nur in Erinnerung geblieben „Gute Kunst ist teuer, und die Umkehrung gilt auch!" Preise sind das Qualitätskriterium für Kunst? Bevor ich meine Zweifel äußern konnte, stieß eine Gruppe junger Mädchen zu uns. Abiturienten, Oberschüler, jedenfalls sehr kunstbeflissen und engagiert fragend. Fragen und Antworten bewegten sich für mich aber wieder auf Ebenen, die sich nicht berührten. Ich klebte noch einige Plakate, besuchte Dieter Kahl in seiner Esszelle und ließ mir aus dem Glas, aus dem ich getrunken hatte durch bekleben ein Kunstwerk machen. Auf dem Nachhauseweg animierte mich noch ein mannshoher, für ein Lagerfeuer aufgeschichteter Haufen aus Ästen zum Bekleben. Ich dekorierte ihn mit meinen Plakaten und freute mich, das dies wirklich unästhetisch aussah.
In der Folgezeit sah ich zu , das ich meine Handzettel noch bei anderen Gelegenheiten loswurde, z.B. beim Flachsmarkt in Krefeld, in Köln bei der Ausstellung Westkunst, der 800 Jahrfeier von Kaiserswerth und vielen anderen Gelegenheiten.“


Bei dem folgenden Zwischenbericht überschneiden sich einige Aussagen mit vorstehenden Anmerkungen. Andererseits enthält der Bericht auch einige Details, die sonst verloren gehen. Aus den Aufzeichnungen wird deutlich, welchen großen Einfluss die Aktion „Kunst ist Kohl“ auf die weitere Entwicklung von Rudolf Kley hatte.

"Kunst ist Kohl!" - Zwischenbericht. "Zu der Aktion „Kunst ist Kohl" hat mich in erster Linie der Anspruch des Fluxus Zuges herausgefordert, Kunstschule zu sein.
Dem Konzept des mobilen Museums kann ich nach wie vor nichts entnehmen, das das Verhältnis der Besucher zur Kunst ändern kann. ( Das Verhältnis derjenigen, die sich schon intensiv mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzen, bleibt ohnehin unberührt.)
Der Vostellschen Kunstschule stelle ich mit der Aktion „Kunst ist Kohl" eine Schule gegenüber, die sich nicht an der Schule herkömmlicher Bauart orientiert, sondern an den Lehrinhalten rüttelt. Kunst ist Vereinbarungssache. Dieser Vereinbarungscharakter muss bei sehr vielen erst einmal ins Bewusstsein gerufen werden, mit allen Konsequenzen. Die Forderung nach Transparenz dieser Vereinbarungen, ihre gesellschaftliche Relevanz muss massiv geweckt werden.
Es geht mir darum, einen Prozess des Nachdenkens und der Kommunikation über Kunst bei möglichst vielen anzuregen, unabhängig davon, ob die eigentliche Aktion „Kunst ist Kohl" stattfinden kann oder nicht. „Kunst ist Kohl" erweist sich in diesem beabsichtigten Sinn als werbewirksame Formulierung. Ihre Mehrdeutigkeit gibt dem Empfinden breiter Bevölkerungskreise Recht, hinterlässt aber doch eine Restunsicherheit. Ist diese Aktion nicht gerade die Kunst, die man ablehnt? Handelt es sich hier etwa um einen Gang durch die Institutionen mit umgekehrten Vorzeichen? Die Aktion macht in jedem Fall neugierig.
„Nachdem ich Ihr Faltblatt in Duisburg an meinem Wagen fand, wollte ich es zuerst zerknittern und fortwerfen, doch der gelungenen Aufmachung zufolge, habe ich den Inhalt kurz angelesen und er erweckte mein Interesse für Ihr Vorhaben..." schreibt Barbara H. aus Krefeld.
Wichtige, leider nicht steuerbare Vorraussetzung für meine Aktion war ein entsprechender Zugang zu den Medien. Die überregionalen Kulturredaktionen verwiesen an die örtliche Presse. Um dennoch eine breite Streuung meines Anliegens zu erreichen, schrieb ich 21 Museen an. Eine Besetzungsaktion, mit Erlaubnis des Museumsdirektors natürlich, sollte jeweils der regionale Aufhänger für die Presse sein.
Acht Museumsdirektoren waren von Natur aus so engagiert, dass sie mein Schreiben erst gar nicht beantworteten. Die anderen, z.T. sehr unterschiedlichen Reaktionen erweckten in mir das Gefühl, als ob der Museumsbetrieb in sich kreist. Die Offenheit, die vom Museumspublikum erwartet wird, liegt bei der Institution Museum selber nicht vor. Der Wunsch nach weiterer Information zur Urteilsbildung kam nur in einem Fall zaghaft auf. Mehr oder weniger rühmliche Ausnahme ist Dr. Wolfgang Becker, Neue Galerie Stadt Aachen, Sammlung Ludwig, Tel 0241/39292. Rühmlich deshalb, weil er mir die Besetzungsaktion erlaubte, weniger rühmlich, weil er mir noch immer eine schriftliche Stellungnahme schuldig ist.
„Kunst ist Kohl" wurde zwar in „Hier und Heute" erwähnt, die mit der Aktion verbundene Absicht kam aber nicht heraus. Die Arena Redaktion lud mich für den 11. August aus und Vostell ein, dessen verschwundener Zug inzwischen mehr Publicity erreicht hatte, als die ganze Aktion zuvor.
Ich versuchte mich als Vostells Zugbegleiter, lernte ihn in Dortmund kennen und traf ihn in Aachen und Bochum wieder. Die Deutsche Eisenbahnreklame GmbH stellte mir telefonisch die Erlaubnis zum Verteilen meiner Handzettel im Bahnhofsbereich in Aussicht, untersagte es mir dann aber schriftlich, weil es bereits laufende künstlerische Aktionen beeinflusst hätte. Welche wollte man mir nicht verraten.
In Aachen erlebte ich Vostell in der Diskussion. Vom Betrachter seiner Kunst verlangt er, dass er zuvor sein, Vostells Alphabet lernen muss. Vostell spricht allerdings nicht die Sprache, die seine Schüler verstehen. Als Beobachter solcher Gespräche hatte ich immer das Gefühl, dass Vostell und die Ratsuchenden aneinander vorbeiredeten. Ich bezweifle, dass Vostell auf diese Weise viele davon überzeugen kann, dass es für die Betreffenden überhaupt sinnvoll sein kann, sein Alphabet zu lernen.
Meine Zweifel an der Funktion des mobilen Museums als Kunstschule wurden nur bestärkt.
Meine Handzettel und Plakate verteilte ich im Großraum Aachen, Köln, Düsseldorf, Bochum, Krefeld und erhielt auf meine Fragen auch Antworten. Die erste Zuschrift erhielt ich von einem Duisburger aus Homberg, dem ich den Handzettel bei dem Besuch des Fluxuszuges in Aachen in die Hand gedrückt hatte. Er schrieb: „Sie sind der erste Künstler, der mich nach meiner Meinung fragt und daher erhalten Sie auch eine Antwort von mir." An anderer Stelle heißt es „Übrigens: an Ihrer Kohlaktion würde ich mich beteiligen. Mir fehlt allerdings der obligatorische Kinderwagen.“
Woher sollte ich die Kinderwagen nur bekommen? Die Werbeagentur Sagebiel aus Bielefeld, die die Interessengemeinschaft des Kinderfachhandels werbemäßig vertritt, konnte ihre Mitglieder nicht aktivieren: „Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass aus Ihrer guten Idee, sofern Sie meine Unterstützung bedürfen, nichts wird. Ich bedaure dies um so mehr, da ich Ihren Vorschlag werblich gut fand."
Ich schrieb über 100 Anzeigenblätter in ganz Deutschland an und bat sie, auf meine Aktion aufmerksam zu machen. Von einigen habe ich inzwischen Belegexemplare erhalten. Die badische Rundschau brachte auf der Titelseite „Zu Kleys Kunstspektakel mit Kohl und Kinderwagen hat Helmut Kohl abgesagt." Grund genug für mich, Franz Josef Strauß darum zu bitten, im Bayernkurier auf die Aktion einzugehen.
Weder die Firma Toyota („Nichts ist unmöglich!") noch andere Firmen konnten mir Kinderwagen besorgen.
Ich habe noch nicht alle Zuschriften persönlich beantworten können. Bisher habe ich allerdings die 1000 Mitakteure und die entsprechende Anzahl Kinderwagen noch nicht zusammen. Vielleicht kommen aber noch bis zum 30. August noch genügend dazu. Für alle Fälle habe ich mich mit dem Ordnungsamt wegen der Genehmigung in Verbindung gesetzt. Das Kulturamt will mir nach Kräften helfen.
„Kunst ist Kohl" hat eine Menge mit dem erweiterten Kunstbegriff zu tun. In der Diskussion mit Beuys empfand ich es als Mangel, dass dieser Begriff keinen eigenen Namen hat. Beuys Aufforderung, es besser zu machen, habe ich direkt in die Praxis umgesetzt und dem erweiterten Kunstbegriff den Namen „ARTART" gegeben. Die Künstlergruppe ARTART illustriert diesen Begriff.
Als Alternativaktion, die alle Erfahrungen mit „Kunst ist Kohl" enthält, wird sicher von mehr als 1000 Besuchern des Festes in der City am 12. und 13. Sept. 1981 das „ARTART - Museum" gebaut. Es ist das erste Museum, das „Kunst ist Kohl" so klar vor Augen führt. Es ist hypermobil, wenn die Besucher daraus Schwalben machen und übertrifft insofern auf jeden Fall Vostells mobiles Museum.
Sinn des „ARTART – Museum" ist es, auf weiterführende Literatur aufmerksam zu machen und den Begriff ARTART einzuführen. Engagierte Zeitungen und Anzeigenblätter können diesen Bauplan in Originalgröße abdrucken und auf diese Weise vielleicht in die Kunstgeschichte eingehen. Es wäre das erste Mal, dass Kunst eine volkstümliche Verbreitung fände. Oder Kohl?"

 

 
 
 
 
 
 
 
 
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 

Startseite